Haus St. Elisabeth Kitzingen

Mehr Generationen Haus

Aus den Orts- und Kreiscaritasverbänden – „Es ist so wunderschön, das zu sehen!“ Mit Tränen in den Augen betrachtet Ruth Kelm Bilder der Friedenskirche in Schweidnitz im heutigen Polen, die auf dem großen Bildschirm vor ihr erscheinen. Die Aufnahmen der Holzkirche rufen intensive Erinnerungen in ihr wach: „Ich war gerade 18, als wir von den Russen vertrieben wurden und Schlesien verlassen mussten“, berichtet sie. Gerührt greift sie immer wieder nach der Hand der 16-jährigen Asena, die die alte Dame an diesem Nachmittag auf ihrer virtuellen Reise durch das Internet und zurück in die eigene Vergangenheit begleitet.

Die Idee, das Internet für die Biografiearbeit mit alten Menschen zu nutzen, stammt von Petra Dlugosch. Seit 2008 leitet die Sozialpädagogin das Projekt „Mehrgenerationenhaus“ im Haus St. Elisabeth in Kitzingen. In der Wohn- und Pflegeeinrichtung in Trägerschaft der Caritas will man unter dem Motto „Miteinander leben und voneinander lernen“ die Begegnung und das Miteinander der Generationen fördern. „Jugendliche, Erwachsene und Hochbetagte sollen ganz selbstverständlich miteinander in Kontakt kommen und voneinander profitieren“, beschreibt Dlugosch das Kernanliegen des Hauses. In der Beschäftigung mit alten, speziell von einer Demenzerkrankung betroffenen Menschen habe sie aber auch gemerkt, „dass wir viel zu wenig von den uns anvertrauten Menschen wissen“. „Nur wenn ich weiß, was ein Mensch erlebt und geleistet hat, kann ich auch eine persönliche Beziehung entwickeln und ihn wertschätzen“, ist sie überzeugt. Im Rahmen eines Aufbaustudiums im Fach Gerontologie hat Dlugosch deshalb den Einsatz des Internets in der Biografierecherche mit Demenzerkrankten untersucht. Und die Ergebnisse ihrer Studie geben ihr Recht: „Demenzkranke brauchen die Hilfe anderer, um wieder in ihre Vergangenheit eintauchen zu können, und das Internet bietet hier unerschöpfliche Möglichkeiten, vergessen geglaubte Lebensereignisse wieder zu finden.“

Beide Seiten profitieren

Die biografische Spurensuche fördere Wohlbefinden, Selbstwertgefühl und Zufriedenheit der Demenzkranken. Und auch die jungen Leute profitieren: „Sie entwickeln ein Gefühl der Wertschätzung und Verantwortung gegenüber alten Menschen“, sagt Petra Dlugosch.

Seit 2014 bietet sie deshalb ein Mal im Monat das Internetsurfen im Haus St. Elisabeth an. Unterstützt wird sie dabei von Jugendlichen, die die alten Menschen durch das Netz „chauffieren“. Jedes Mal komme dabei Überraschendes zutage – wie bei der Surfstunde mit Eva-Maria Dallendörfer, die beim Anblick einer imposanten Kirche erklärte, dass sie genau hier gewohnt habe. „In einer Kirche kann man doch nicht wohnen“, habe sich Dlugosch kopfschüttelnd gedacht. Als dann jedoch das direkt daneben liegende Gutshaus in den Blick gekommen sei, sie die Sache klar gewesen. Nicht nur ihr Zimmerfenster, den Stall und den Hühnerhof habe die alte Dame wieder erkannt, auch die Namen der Angestellten und des Gutsverwalters seien aus dem Dunkel der Erinnerung aufgetaucht. „All diese Dinge sind zwar abgespeichert, aber die Veränderungen im Gehirn machen es den alten Menschen unmöglich, die Erinnerungen abzurufen“, erläutert Dlugosch. „Bilder, Filme oder Musik können da unheimlich viel anstoßen.“

Während Dlugosch noch erzählt, surft einen Tisch weiter Internetchauffeurin Aylin mit Luise Werner durch das World Wide Web. Wehmütig betrachtet die 91-Jährige die auf dem Bildschirm aufleuchtenden Aufnahmen des Waffengeschäfts Melber in Kitzingen. „Das ist mein Elternhaus“, erklärt sie. 1959 hatte sie gemeinsam mit ihrem Mann die seit 1911 bestehende Büchsenmacherei Waffen-Mahl vom Vater übernommen. „Ganz früher haben wir auch Fahrräder und Spielwaren verkauft“ erinnert sie sich. „Und in diesem Schrank hatte ich die Hemden“, kommentiert sie die Ladeneinrichtung. Aylin verfolgt die Erzählungen der alten Dame sehr aufmerksam. Seit fünf Jahren kommt die 18-Jährige zwei bis drei Mal im Monat ins Mehrgenerationenhaus. Warum? „Ich mag alte Menschen sehr und die gemeinsamen Nachmittage fördern auch für mich immer wieder Neues zutage.“ Während Aylin und Luise Werner weiter auf den Schwanberg surfen, taucht nebenan Rosalinde Mümpfer in ihre Vergangenheit ab. Liebend gerne habe sie als junges Mädchen getanzt. Doch den Traumberuf Tänzerin konnte sie sich aus dem Kopf schlagen, musste sie doch nach dem Tod der Mutter für ihre sechs Geschwister sorgen. Ihr Vater habe bei einer Firma in Etwashausen gearbeitet, sinniert Mümpfer. Doch an den Namen erinnert sie sich nicht mehr: „Das ist so lange her!“ Neben der alten Dame sitzt der junge Syrer Wahil. Als er von seiner Heimat Aleppo erzählt, streichelt sie ihm liebevoll den Arm. Wahil zeigt Bilder von blühenden Gärten, bunten Märkten und prächtigen Moscheen. „Heute ist alles kaputt“, sagt er traurig. Bilder von den Zerstörungen zeigt er nicht: „Das ist nicht gut für die alten Leute“, sagt er und fügt hinzu: „Mir tut es auch nicht gut.“

Die Erinnerung kommt zurück

Dann kommt das Gespräch plötzlich aufs Schwimmen. Augenzwinkernd schwärmt Rosalinde Mümpfer von einem schönen Bademeister. „Das muss Paul Mümpfer gewesen sein“, kommentiert plötzlich Luise Werner vom Nebentisch. „Das war ein ganz schicker Mann!“ Noch während Luise Werner spricht, hat Petra Dlugosch die Anregung aufgegriffen. „Als Mümpfer Weltmeister wurde“ erscheint da plötzlich in großen Lettern über einem Zeitungsbericht. „Das stimmt, mein Mann war Schwimmweltmeister“, schüttelt Rosalinde Mümpfer verwundert den Kopf. Und dann ist alles wieder da: Wie Paul jedes Wochenende zum Schwimmtraining ging, während sie selbst mit dem Fahrrad unterwegs war. Wo die Familie in dieser Zeit gewohnt hat. Wie die Schwimmkollegen hießen. Und dass ihr Mann lange Bademeister im Kitzinger Bad war.

Mit einem Lächeln lehnt sich Rosalinde Mümpfer zurück, sie wirkt zufrieden und auch ein kleines bisschen stolz. „Prozesse wie diese anzustoßen, Erinnerungen an die Oberfläche zu holen und festzuhalten – genau das ist das Ziel der Internetchauffeure“, kommentiert Petra Dlugosch, deren Arbeit im Herbst 2016 mit dem Vinzenzpreis der Caritas ausgezeichnet wurde. Nach der Surfstunde werden die aufgefundenen Materialien, Bilder und Geschichten in ein Dokument eingefügt und ausgedruckt. „So können die alten Menschen die Erinnerungen immer wieder ansehen und sich ihrer selbst versichern.“ Doch Petra Dlugosch plant bereits die nächsten Schritte, für die sie noch Spender und Förderer benötigt: „Ich möchte die Erinnerungen und Biografiedaten der Heimbewohner in eine Datenbank einspeisen, die dann allen angestellten Pflegekräften zur Verfügung steht“, berichtet die passionierte Gerontologin: „Das würde das Leben von alten Menschen mit und ohne Demenz bereichern und Pflege könnte so noch persönlicher und wertschätzender gestaltet werden.“

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